Abiturprüfung 2010 [Beitrag Nr. 12]

Die Abiturprüfung 2010 verursachte an den allgemeinbildenden Gymnasien deutlich höhere Kosten als an den beruflichen Gymnasien. Der abiturbedingte Unterrichtsausfall war an den allgemeinbildenden Gymnasien doppelt so hoch wie an den beruflichen Gymnasien. An beiden Schularten war nach der Abiturprüfung ein nicht genutztes Unterrichtspotenzial von insgesamt 285 Lehrervollzeitäquivalenten vorhanden.

1 Ausgangslage

Im Schuljahr 2009/2010 haben in Baden-Württemberg 542 öffentliche Gymnasien eine Abiturprüfung durchgeführt. Mit der Untersuchung an 514 Gymnasien - 348 allgemeinbildende und 166 berufliche - wurde erstmals ermittelt, welche Ressourcen für die Abiturprüfung insgesamt verwendet werden.

2 Prüfungsergebnisse

2.1 Gesamtkosten

Die Organisation und Durchführung der Abiturprüfung binden Arbeitszeit und verursachen Kosten. Die betreffenden Aufgaben lassen sich zu Tätigkeitsfeldern zusammenfassen und werden hier als Kostenblöcke betrachtet. In Tabelle 1 sind der Zeitaufwand und die Kosten für die einzelnen Tätigkeitsfelder dargestellt.

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Die vorstehenden Berechnungen basieren auf den Angaben von 514 Schulen. Tatsächlich wurde 2010 jedoch an 542 Gymnasien die Abiturprüfung durchgeführt. Die auf 542 Gymnasien hochgerechneten Kosten ergeben 72,5 Mio. Euro.

Für jeden Abiturienten eines allgemeinbildenden Gymnasiums (insgesamt 28.210 Abiturienten) entstanden durchschnittliche Kosten von 1.751 Euro, für den eines beruflichen Gymnasiums (insgesamt 13.137 Abiturienten) 1.467 Euro.

Die Kosten je Abiturient sind bei den beruflichen Gymnasien um 16 Prozent geringer als bei den allgemeinbildenden. Würden die allgemeinbildenden Gymnasien deren Durchschnittskosten erreichen, wäre dies ein Effizienzgewinn von 8,0 Mio. Euro. Dies entspricht dem Wert von 87 Lehrervollzeit¬äquivalenten.

2.2 Unterrichtsausfall

Die Abiturprüfung bindet Arbeitszeit von Lehrkräften. Sie sind eingesetzt bei der Organisation und Durchführung des schriftlichen wie mündlichen Prüfungsteils und bei der Korrektur der Abituraufgaben. Diese Aufgaben müssen teilweise während der Unterrichtszeit geleistet werden. Der Unterrichtsausfall wegen der Abiturprüfung ist in Tabelle 2 dargestellt.

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Wegen der Abiturprüfung konnten insgesamt 185.909 Unterrichtsstunden nicht gehalten werden. Insbesondere führte der Einsatz der Lehrkräfte für die Korrekturen zu einem hohen Unterrichtsausfall. Auffallend ist, dass der Unterrichtsausfall je Schule bei allgemeinbildenden Gymnasien mit 431 Unterrichtsstunden etwa doppelt so hoch ist wie bei den beruflichen mit 217 Unterrichtsstunden. Die beruflichen Gymnasien sind offensichtlich besser in der Lage als die allgemeinbildenden Gymnasien, Unterrichtsausfall wegen der Abiturprüfung zu vermeiden.

2.3 Lehrkräfteeinsatz nach der Abiturprüfung

Der Unterricht für die Abiturienten endet mit der Bekanntgabe der Ergebnisse der schriftlichen Abiturprüfung. Da die Lehrkräfte nach dem Bekanntgabetermin nicht mehr unterrichten, besteht ein freies Unterrichtspotenzial. Von diesem freien Potenzial wurden der ersatzweise gehaltene Unterricht sowie der Einsatz für sonstige schulische Zwecke (z. B. Schullandheimaufenthalt) abgezogen. Die so errechnete Differenz bildet das von den Gymnasien nicht genutzte Unterrichtspotenzial. Tabelle 3 gibt die Berechnung wieder.

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Beide Schularten nutzen mehr als zwei Drittel des verfügbaren Unterrichtspotenzials nicht. Im Schuljahr 2009/2010 bestand ein nicht genutztes Unterrichtspotenzial von 278.582 Unterrichtsstunden. Dieses entspricht der Unterrichtsleistung von 285 Lehrervollzeitäquivalenten mit einem Wert von 26,3 Mio. Euro.

2.4 Korrektur der schriftlichen Abiturleistung

Lehrkräfte erhalten für die Erst- und Drittkorrektur bis zu zwei und für die Zweitkorrektur bis zu drei unterrichtsfreie Tage. Hierdurch werden sie für ihren erhöhten Korrekturaufwand beim Abitur entlastet. Der Aufwand und die Entlastung für die Korrektur der schriftlichen Abiturleistungen durch Korrekturtage (umgerechnet in Stunden) ist in Tabelle 4 dargestellt.

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Die Lehrkräfte der allgemeinbildenden Gymnasien erhielten 42 Prozent, die der beruflichen Gymnasien 27,2 Prozent Entlastung für ihren Aufwand durch Korrekturtage.

2.5 Aufgabenkommissionen

Mit der Erstellung der schriftlichen Abituraufgaben wurden für die Abiturprüfung 2010 insgesamt 55 Kommissionen betraut, 24 für allgemeinbildende und 31 für berufliche Gymnasien. Die Vorsitzenden der Aufgabenkommissionen bezifferten den Aufwand der wesentlichen Aufgabenbereiche und Arbeitsschritte der Kommissionen. Zum Aufwand gehört, die Aufgabenvorschläge anzufordern und zu bearbeiten, die Abituraufgaben fertigzustellen und Verwaltungsaufgaben.

Das Erstellen der schriftlichen Abituraufgaben für berufliche Gymnasien verursacht einen insgesamt höheren Aufwand als bei den allgemeinbildenden Gymnasien. Eine Ursache hierfür ist der größere Fächerkanon bei den beruflichen Gymnasien.

Auffallend ist auch die große Bandbreite des fächerspezifischen Aufwands der einzelnen Kommissionen in beiden Schularten. Bei den allgemeinbildenden Gymnasien lag er zwischen 24 Stunden für das Fach Griechisch und 1.499 Stunden für das Fach Geographie; bei den beruflichen Gymnasien lag er zwischen 94 Stunden für das Fach Englisch und 2.381 Stunden für Mathematik ohne Computer-Algebra-Systeme.

3 Bewertung

Organisation und Durchführung der Abiturprüfung werden durch die einschlägigen Abiturverordnungen bestimmt. Daran haben sich die Gymnasien zu halten. Unterschiede bestehen jedoch beim Aufwand für die einzelnen Tätigkeitsfelder, den allgemeinen Auswirkungen auf den Unterrichtsbetrieb und dem Einsatz der Lehrkräfte nach der Abiturprüfung.

Die allgemeine Hochschulreife kann an allgemeinbildenden wie an beruflichen Gymnasien erworben werden. Das Prüfungsniveau und der Prüfungsumfang sind nahezu gleich. Jedoch binden die allgemeinbildenden Gymnasien hierfür deutlich mehr Ressourcen als die beruflichen Gymnasien. So sind die durchschnittlichen Gesamtkosten je Abiturient bei den beruflichen Gymnasien um 16 Prozent geringer als bei den allgemeinbildenden Gymnasien. Auch ist der Unterrichtsausfall wegen der Abiturprüfung bei den beruflichen Gymnasien auffallend niedriger.

Die beruflichen Gymnasien organisieren ihren Abiturprüfungsprozess offensichtlich effizienter. Deren Verfahrensweise könnte ungeachtet der schularttypischen Unterschiede den allgemeinbildenden Gymnasien als Orientierung dienen.

Die Untersuchung verdeutlicht auch, dass in beiden Schularten insgesamt ein beachtliches nicht genutztes Unterrichtspotenzial von 285 Lehrervollzeitäquivalenten vorhanden ist. Dieses entsteht, weil der Unterricht für die Abiturienten nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der schriftlichen Abiturprüfung endet. Zwar sind die Lehrkräfte der Abiturkurse durch die einschlägigen Korrekturen der schriftlichen Prüfungsleistungen zusätzlich belastet. Sie erhalten jedoch durch die Korrekturtage einen Zeitausgleich von mehr als einem Drittel ihres Aufwandes.

Die einzelnen Aufgabenkommissionen unterscheiden sich in der Zahl ihrer Mitglieder und der Zeit, die sie für ihre Arbeit verwenden. Die Gründe hierfür können aus den vorliegenden Daten und Informationen nicht erklärt werden.

4 Empfehlungen

Der Rechnungshof empfiehlt,

  • den Abiturprüfungsprozess bei den allgemeinbildenden Gymnasien effizienter zu gestalten und sich hierbei an den Kennzahlen für die beruflichen Gymnasien zu orientieren;
  • den abiturbedingten Unterrichtsausfall, insbesondere bei den allgemeinbildenden Gymnasien, weiter zu verringern;
  • das nicht genutzte Unterrichtspotenzial in beiden Schularten soweit als möglich zu erschließen (z. B. durch geeignete Arbeitszeitmodelle);
  • zu prüfen, ob die Arbeit der Aufgabenkommissionen optimiert werden kann.

5 Stellungnahme des Ministeriums

Das Kultusministerium schließt sich grundsätzlich den Empfehlungen des Rechnungshofes an. Es werde die allgemeinbildenden Gymnasien bitten, alle Möglichkeiten zu überprüfen, um den Abiturprüfungsprozess effizienter zu gestalten und den Unterrichtsausfall weiter zu verringern. Auch seien die im Kultusministerium mit der Abiturprüfung befassten Referate in engem Kontakt und würden sich weiterhin über Optimierungsmöglichkeiten austauschen. Anders als der Rechnungshof wertet das Ministerium das nicht genutzte Unterrichtspotenzial. Es führt aus, dass Lehrkräfte, die mit großem Engagement und hohem zeitlichen Aufwand Kurse zu einer Abiturprüfung geführt haben, vermehrt für Aufsichten, Krankheitsvertretungen und Begleitungen bei außerunterrichtlichen Veranstaltungen eingesetzt würden. Betrachte man den Abiturprozess „gesamtsystemisch“, hätten die Lehrkräfte einen großen Teil des nach dem Abitur ausfallenden Unterrichts vorgearbeitet im Rahmen der Erstellung der Abituraufgaben wie auch bei der Durchführung des Abiturs.

6 Schlussbemerkung

Der Aufwand der Lehrkräfte für die Erstellung der schriftlichen Abituraufgaben betrug 84.000 Stunden und entspricht 48.000 Unterrichtsstunden. Dagegen beträgt das nicht genutzte Unterrichtspotenzial 278.500 Unterrichtsstunden. Die Aufrechnung ist nicht ausgeglichen. Im Übrigen gehören die vom Kultusministerium angeführten Tätigkeiten zu den Dienstpflichten der Lehrkräfte, unabhängig von deren Deputat. Sie können daher nicht gegen das ungenutzte Unterrichtspotenzial aufgerechnet werden.