Auslastung der Lehreinheiten für Slavistik an den Universitäten [Beitrag Nr. 26]

In Baden-Württemberg bieten fünf Universitäten Studiengänge für Slavistik an. Die Studienplätze sind durchschnittlich nur zu knapp 30 % ausgelastet. Die Kosten je Absolvent betrugen bis zu 258.000 €. Der Rechnungshof empfiehlt, die Personalkapazität und damit die Zahl der Studienplätze so zu reduzieren, dass eine Auslastung von mindestens 75 % entsteht. Diese sollten an einem Zentrum für Slavistik mit besserer fachlicher Breite, maximal jedoch an zwei Standorten zusammen geführt werden.

1 Ausgangslage

In Baden-Württemberg werden an fünf Universitäten Studiengänge für Slavistik, an einer dieser Universitäten außerdem Dolmetschen Russisch angeboten. Die Institute, Seminare, Abteilungen oder Teile von Fachbereichen, die diese Studiengänge durchführen, werden als Lehreinheiten bezeichnet. Übersicht 1 gibt die Universitäten sowie die Organisationseinheiten, die die Studiengänge durchführen, und die Bezeichnung der Lehreinheiten wieder.

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Der RH hat im Rahmen einer Querschnittsuntersuchung der Lehre an allen Universitäten für die Lehreinheiten Slavistik bzw. Dolmetschen Russisch den Personaleinsatz und die Zahl der Studierenden überprüft. Zur Beurteilung der Auslastung der Lehreinheiten an Hand der Zahl der betreuten Studierenden wurden die Kapazitätsberechnungen der Universitäten herangezogen. Dabei wurde festgestellt, dass alle Lehreinheiten bei Weitem nicht ausgelastet sind.

Die Hochschulstrukturkommission hat in ihrem Bericht im Jahr 1998 die Geisteswissenschaftlichen Fächer nur übergreifend betrachtet . Sie hat eine Unterauslastung für das Fach Slavistik ausgewiesen , ohne dabei den Umfang und die Auslastungen der Lehreinheiten bei den einzelnen Universitäten anzugeben. Bei ihren Vorschlägen zum Fächerspektrum in den Magisterfächern hat sie zur Slavistik die Aufrechterhaltung entsprechend der Strukturplanung bei allen fünf Universitäten empfohlen . Ohne Spezifizierung auf einzelne Fächer hat sie sich bei den Magisterstudiengängen für eine Reduzierung der Lehrkapazität durch Personalabbau im Umfang von bis zu 25 % ausgesprochen. Die Universitäten sahen zu diesem Zeitpunkt eine Verminderung der Lehrkapazität in den Magisterstudiengängen von 20 % vor . Für das gesamte Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg hat die Hochschulstrukturkommission eine Verlagerung in den Fachhochschulbereich vorgeschlagen .

Bei der Umsetzung der Empfehlungen haben die Universitäten für den Bereich der Slavistik durchweg auf einen Erhalt des Faches gesetzt und nur eine gewisse Reduzierung von Stellen durchgeführt. Die Verlagerung des Instituts für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Heidelberg in den Fachhochschulbereich wurde abgelehnt.

2 Personaleinsatz und Personalkosten der Lehreinheiten

2.1 Stand zum 01.01.2002

Den sechs Lehreinheiten standen zum 01.01.2002 insgesamt 51,5 Stellen zur Verfügung. Die Personalkosten für diese Stellen betragen rd. 4,4 Mio. €. In Übersicht 2 sind die Anzahl der Stellen und die Personalkosten für die einzelnen Lehreinheiten aufgeführt.

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Auf den Wissenschaftlichen Dienst, der die Professoren und den sog. Mittelbau umfasst, entfielen 47,0 Stellen. Auf den Stellen des Mittelbaus werden z.B. Lektoren, Wissenschaftliche Mitarbeiter, Akademische Räte, Wissenschaftliche Assistenten und Hochschuldozenten geführt. Die Lehreinheiten Slavistik haben zwei bis drei Stellen für Professoren, drei bis neun Stellen des Mittelbaus und eine halbe bis eine Stelle des Verwaltungsdienstes. Die Lehreinheit Dolmetschen Russisch an der Universität Heidelberg bietet im Gegensatz zu den anderen Lehreinheiten keine Studiengänge mehrerer slavischer Sprachen an, sondern bildet ausschließlich Dolmetscher und Übersetzer für Russisch aus. Ihre Personalausstattung ist daher etwas anders strukturiert.

Die Personalkosten betragen bei den einzelnen Lehreinheiten für Slavistik zwischen rd. 0,5 Mio. € und 1,1 Mio. €, bei der Lehreinheit Dolmetschen Russisch rd. 0,5 Mio. €.

2.2 Entwicklung der Stellen seit 1995 und weitere Planungen

Die Lehreinheiten haben mit Ausnahme der Lehreinheit HD-Slavistik seit 1995 in gewissem Umfang Stellen des Wissenschaftlichen Dienstes abgebaut. Insgesamt wurde die Stellenzahl von 52,0 Stellen auf 47,0 Stellen und damit um knapp 10 %, reduziert. Übersicht 3 zeigt die Stellenentwicklung der einzelnen Lehreinheiten.

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Die Lehreinheit HD-Slavistik plant den Abbau einer Stelle. Bei der Universität Konstanz bestehen zwar Überlegungen, Stellen einzusparen, Gremienbeschlüsse über Umfang und Zeit der Stelleneinsparungen liegen jedoch nicht vor. Der von der Hochschulstrukturkommission vorgeschlagene Personalabbau von bis zu 25 % in geisteswissenschaftlichen Fächern wird aber auch dann in der Slavistik nicht umgesetzt sein, obwohl die Slavistik zu Gunsten der ausgelasteten Magisterfächer einen höheren Prozentsatz hätte einsparen müssen, um das durchschnittliche Einsparvolumen zu erreichen.

3 Studierenden- und Absolventenzahlen

3.1 Studierendenzahlen

Die Zahl der Studierenden ist bei den meisten Lehreinheiten vom Studienjahr 1995/1996 bis zum Studienjahr 2000/2001 zurückgegangen. Der Rückgang beträgt insgesamt 28 %. Bei einer Lehreinheit blieb die Zahl der Studierenden gleich, bei den übrigen Lehreinheiten der Slavistik sank die Zahl der Studierenden um rd. 10 % bis rd. 38 %. Bei der Lehreinheit HD-Dolmetschen verminderte sich die Zahl der Studierenden, auch beeinflusst durch die Einführung einer Zulassungsbeschränkung, um rd. 41 %. In Übersicht 4 ist die Entwicklung der eingeschriebenen Studierenden an Hand der Fallzahlen dargestellt.

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Die Fallzahl umfasst Einschreibungen mit den Abschlusszielen Diplom, Lehramt Haupt- oder Nebenfach, Magister Haupt- oder Nebenfach und ggf. Bachelor. Soweit ein Studiengang den Abschluss in mehreren Hauptfächern oder Haupt- und Nebenfächern vorsieht, wird jeder Studierende mehrfach gezählt, nämlich in jedem gewählten Haupt- und Nebenfach. Daraus folgt auch, dass die Studierendenzahlen der einzelnen Lehreinheiten untereinander nicht verglichen werden können, da sie unterschiedliche Abschlussziele anbieten.

Bei der Interpretation der Entwicklung der Studierendenzahlen ist auch zu beachten, dass es etwa ab 1990 bis 1995 einen vorübergehenden Anstieg gab. Dies beruhte auf einer allgemeinen Zunahme der Studierendenzahlen und einem Sondereffekt in der Slavistik, der in einem gestiegenen Interesse an Slavistischen Studiengängen auf Grund der Öffnung Osteuropas begründet lag. Die Studierendenzahlen des Studienjahrs 1995/1996 sind davon beeinflusst. Der folgende Rückgang der Studierendenzahlen hängt mit dem Nachlassen dieses Interesses und mit den allgemein zurückgehenden Studierendenzahlen zusammen.

Für die Beurteilung der weiteren Entwicklung wird daher der jetzige Stand als realistische Ausgangsgröße angesehen. Innerhalb des Zeitraums bis 2015 werden folgende Prognosen zur Entwicklung der Zahl der Studierenden gegenüber dem Jahr 2000 getroffen: Die Zahl der Studierenden bundesweit steigt um bis zu 2,2 %, die der Studienanfänger in Baden-Württemberg steigt um bis zu 11 %, die Zahl der Studienanfänger an Universitäten steigt um bis zu 4 %. Danach sind sinkende Zahlen der Studienanfänger und der Studierenden zu erwarten.

3.2 Absolventenzahlen

Die Zahl der Absolventen ist mit einer Ausnahme bei allen Lehreinheiten vom Studienjahr 1995/1996 bis zum Studienjahr 2000/2001 ebenfalls zurückgegangen und zwar landesweit von 135 auf 53 Absolventen und damit etwa um 61 %. In Übersicht 5 ist die Entwicklung der Absolventen an Hand der Fallzahl dargestellt.

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Die Absolventenzahlen sind bei allen Lehreinheiten erheblich niedriger, als die Zahlen der Studierenden erwarten ließen . Dies beruht darauf, dass viele der Studierenden der Slavistik ihr Studium nicht beenden.

4 Betreuungsrelation und Kosten je Studierenden bzw. Absolventen

4.1 Betreuungsrelation

Aus dem Verhältnis von Studierenden zu den vorhandenen Stellen für wissenschaftliches Personal ergibt sich die Betreuungsrelation in den Lehreinheiten, die in Übersicht 6 dargestellt ist. Dabei ist allerdings zu beachten, dass in der Zahl der Studierenden sowohl Haupt- als auch Nebenfachstudierende als auch solche, bei denen nur ein Fach studiert wird, enthalten sind. Diese Studierenden fragen in unterschiedlichem Umfang Lehre nach. Für die Beurteilung der Betreuungsrelation unter Belastungsgesichtspunkten und für den Vergleich der Betreuungsrelation der Lehreinheiten untereinander ist es erforderlich, die Fächer nach dem Umfang des Betreuungsaufwands zu gewichten. Der Gewichtungsfaktor für die einzelne Lehreinheit wurde an Hand der in der jeweiligen Kapazitätsberechnung ausgewiesenen Studierendenzahlen in Haupt-, Nebenfächern und in Vollstudiengängen ermittelt. Die Gewichtung der Studierendenzahl mit diesem Faktor ergibt die Vergleichszahl in Studierenden von Vollstudiengängen (Vollstudenten-Äquivalent).

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Die ungewichtete Betreuungsrelation beträgt bei den einzelnen Lehreinheiten von 9 bis 42 Studierende je Stelle des wissenschaftlichen Personals. Dagegen stellt sich der Betreuungsaufwand bei der Betrachtung der Betreuungsrelation bezogen auf Vollstudenten-Äquivalente erheblicher niedriger dar. Danach hat die Lehreinheit KN-Slavistik ein Betreuungsrelation-Äquivalent von 4 Vollstudenten je Stelle des wissenschaftlichen Personals, HD-Slavistik 6, HD-Dolmetschen 9, TÜ-Slavistik 11, FR-Slavistik 15 und MA-Slavistik 17.

4.2 Kosten je Studierenden und je Absolventen

Bei der Betrachtung der Kosten, die je Studierenden je Jahr oder je Absolvent für sein ganzes Studium anfallen, sind fachbedingt vor allem die Personalkosten der Lehreinheiten von Bedeutung. Die hinzukommenden Sachkosten wurden deshalb nicht ermittelt.

Wie bei der Betreuungsrelation ist zu beachten, dass bei Studiengängen mit Haupt- und Nebenfächern jeder Studierende bzw. Absolvent in einem Fach nur anteilig zu berücksichtigen ist und die Anzahl der Studierenden bzw. Absolventen deshalb in Vollstudenten-Äquivalente bzw. Vollabsolventen-Äquivalente umzurechnen ist. Die Personalkosten je Studierenden je Studienjahr und die Kosten je Absolventen für das ganze Studium sind in Übersicht 7 dargestellt. Sie betragen durchschnittlich 10.000 € je Vollstudent-Äquivalent bzw. 111.000 € je Vollabsolvent-Äquivalent. Dabei werden die Kosten auf volle 1.000 €-Beträge gerundet.

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Eine besonders hohe Abweichung von den durchschnittlichen Kosten weist die Lehreinheit KN-Slavistik mit 26.000 € je Vollstudent-Äquivalent bzw. 258.000 € je Vollabsolvent-Äquivalent auf. Die hohen Durchschnittskosten je Studierenden und die Unterschiede zwischen den Lehreinheiten sind in erster Linie durch die schwache Auslastung der vorhandenen Studienplätze bestimmt, wobei zwischen den Lehreinheiten noch erhebliche Unterschiede bestehen. Bei den Kosten je Absolventen ist außerdem ausschlaggebend, dass eine große Anzahl Studierender das Studium nicht abschließt.

5 Auslastung der Studienplätze der Lehreinheiten

5.1 Im Folgenden wird die Auslastung der Studienplätze der Lehreinheiten dargestellt. Diese lässt naturgemäß keine Aussage über die Arbeitsbelastung der Lehreinheiten insgesamt zu, weil lediglich die Lehre betrachtet wird, nicht jedoch z.B. die Forschung. Sie trifft außerdem keine Aussage zur Qualität der Lehre.

5.2 Die Auslastung der in den Lehreinheiten zur Verfügung stehenden Plätze für Studienanfänger ergibt sich aus den Kapazitätsberechnungen der Universitäten. Diese ermitteln die Zahl der Studierenden, die in einem bestimmten Fach jährlich aufgenommen werden können (Studienanfängerplätze), an Hand der in der Lehreinheit zur Verfügung stehenden Summe aller Lehrdeputate. Das Verhältnis der Studienanfängerplätze zur tatsächlichen Studienanfängerzahl ergibt die Auslastungsquote, die in Übersicht 8 dargestellt ist.

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Die Auslastung liegt bei keiner Lehreinheit über 50 %. Die beiden niedrigsten Auslastungsergebnisse betreffen die Lehreinheit KN-Slavistik mit 10 % und die Lehreinheit HD-Slavistik mit 20 %.

5.3 Gruppengröße der Veranstaltungen und Teilnahmeverhalten der Studierenden

Die Unterauslastung nach der Kapazitätsberechnung spiegelt sich auch in der Zahl der Teilnehmer in den einzelnen Veranstaltungen der Lehreinheiten (Gruppengröße) wider. Der RH hat bei einigen Lehreinheiten die Gruppengröße der Veranstaltungen und die Teilnahme der Studierenden an den Veranstaltungen erhoben.

Die durchschnittliche Gruppengröße betrug bei zwei Lehreinheiten je 15 Teilnehmer , bei zwei weiteren Lehreinheiten 8 bzw. 6 Teilnehmer. Der Anteil der Veranstaltungen mit fünf und weniger Teilnehmern lag bei diesen vier Lehreinheiten bei 6 %, 13 %, 34 % und 51 %. Der Anteil der Veranstaltungen mit zehn und weniger Teilnehmern lag bei 48 %, 50 %, 70 % und 88 %.

Der Anteil der Teilnehmer, die keine eingeschriebenen Studierenden der Slavistik sind, ist unterschiedlich hoch. Er wurde bei zwei Lehreinheiten überprüft und betrug bei einer Lehreinheit etwa 6 %, bei der anderen Lehreinheit etwa 22 % aller Teilnehmer.

Die geringen Gruppengrößen und die äußerst geringen Teilnehmerzahlen beruhen nicht allein auf den niedrigen Studierendenzahlen, sondern auch darauf, dass ein erheblicher Teil der eingeschriebenen Studierenden die Veranstaltungen nicht besucht . So wurde bei einer Lehreinheit festgestellt, dass 47 % an keiner Veranstaltung und 20 % an nur einer Veranstaltung im Semester teilgenommen haben, bei einer anderen Lehreinheit haben 42 % an keiner Veranstaltung und 18 % an nur einer Veranstaltung teilgenommen, bei einer dritten Lehreinheit haben 42 % an keiner Veranstaltung und 15 % an nur einer Veranstaltung teilgenommen.

6 Rahmenbedingungen effizienter Organisation

Die effiziente Organisation einer Lehreinheit ist nur möglich, wenn so viele Studienanfänger vorhanden sind, dass unter den geltenden Rahmenbedingungen auch in den Veranstaltungen für die Studierenden kurz vor dem Abschluss noch eine ausreichende Gruppengröße erreicht wird. Zu den Rahmenbedingungen, die darauf einen Einfluss haben, können die Verschiedenartigkeit der Abschlussziele, die Spezialisierung innerhalb des Studiengangs und die Zahl der Studierenden, die das Studium nicht zu Ende führen, gehören. Alle Slavistik-Lehreinheiten weisen unter diesen Gesichtspunkten ungünstige Rahmenbedingungen auf; die Größe der Lehreinheit ist daher von besonderer Bedeutung.

6.1 Von den Lehreinheiten angebotene Abschlussziele

Die Studierenden der Slavistik sind in Studiengängen mit den Abschlusszielen Bachelor, Lehramt, Magister oder Diplom-Philologe eingeschrieben. Sie können jedoch weitgehend die selben Veranstaltungen besuchen. Dies gilt indes nicht für die Lehreinheit HD-Dolmetschen; diese bildet nur Studierende mit dem Abschlussziel Diplom-Dolmetscher aus. Hierfür gelten andere Anforderungen, sodass diese Studierenden nur eine Anzahl sprachpraktischer Veranstaltungen und wenige weitere Veranstaltungen, insbesondere im sprachwissenschaftlichen Bereich, zusammen mit den Studierenden der anderen Studiengänge besuchen könnten. Derzeit gibt es keine gemeinsamen Veranstaltungen der Lehreinheit HD-Slavistik und der Lehreinheit HD-Dolmetschen.

6.2 Ausdifferenzierung innerhalb der Slavistik-Lehreinheiten

Das philologische Sprachstudium enthält sowohl sprachwissenschaftliche als auch literaturwissenschaftliche Teile, die in verschiedenen Veranstaltungen und von unterschiedlichen Lehrkräften angeboten werden. Je nach dem Schwerpunkt des Studierenden nimmt er mehr sprach- oder mehr literaturwissenschaftliche Veranstaltungen ab. Lediglich bei der Lehreinheit KN-Slavistik kann nur Sprach- oder nur Literaturwissenschaft belegt werden.

Zur Slavistik gehören die Sprachen Russisch, Polnisch, Tschechisch, Serbisch/Kroatisch, Bulgarisch und Slowenisch. Die Prüfungsordnungen sehen vor, dass mehrere dieser Sprachen studiert werden müssen. Die Lehreinheiten bieten jeweils zwei bis fünf dieser Sprachen an. Die Slavistik ist deshalb dadurch gekennzeichnet, dass - obwohl der Schwerpunkt bei Russisch liegt - zu einer Vielzahl slavischer Sprachen Veranstaltungen angeboten werden müssen und sich die Zahl der Studierenden darauf verteilt.

Die dritte Ausdifferenzierung der anzubietenden Veranstaltungen wird durch die zunehmende Zahl der Studierenden mit einer slavischen Sprache als Muttersprache erforderlich. Diese Gruppe stellt vor allem in den sprachpraktischen Veranstaltungen so unterschiedliche Anforderungen an den Lehrinhalt, dass die Lehreinheiten dazu übergehen mussten, einige getrennte Veranstaltungen anzubieten.

6.3 Hohe Schwundquoten

Alle Slavistik-Lehreinheiten weisen hohe sog. Schwundquoten auf. Die Schwundquote drückt aus, wie viele Studierende die Lehreinheit im Laufe der Regelstudienzeit verliert. Diese Quote ist damit ein Indikator dafür, wie stark die Zahl der Studierenden in den höheren Semestern gegenüber der Zahl der Studienanfänger abnimmt. Bei einer hohen Schwundquote müssen deshalb erheblich mehr Studienanfänger vorhanden sein, um in höheren Semestern ausreichende Gruppengrößen in den Veranstaltungen zu erreichen als bei niedrigen Schwundquoten. Die Schwundquoten in den Lehreinheiten liegen zwischen 32 % und 77 % der Studienanfänger. Dies wird durch das Teilnahmeverhalten der in höheren Semestern eingeschriebenen Studierenden bestätigt. Nach unserer Erhebung haben bei einer Lehreinheit über 80 % der im 10. Semester und höher eingeschriebenen Studierenden an keiner Veranstaltung teilgenommen, bei zwei anderen über 70 %. Lediglich die Lehreinheit HD-Dolmetschen weist erheblich günstigere Schwundquoten auf, zeitweise sogar einen Überschuss.

Da bei allen Lehreinheiten der Slavistik in Baden-Württemberg hohe Schwundquoten zu verzeichnen sind, handelt es sich bei dem „Verlust“ an Studierenden nicht lediglich um Studienortwechsler innerhalb des Landes. Dieser Schwund ist deshalb auch ein Indikator dafür, dass Aufwendungen für die Ausbildung der Studierenden erbracht werden, ohne dass diese zu einem Abschluss kommen.

6.4 Maßnahmen der Slavistik-Lehreinheiten

Der Notwendigkeit, Veranstaltungen für sehr kleine Teilnehmerzahlen anzubieten, versuchen die Lehreinheiten auf verschiedene Weise entgegen zu wirken. Eine Lehreinheit bietet verschiedene Veranstaltungsarten als eine Veranstaltung an (wissenschaftliche Übung und Hauptseminar oder Vorlesung, wissenschaftliche Übung und Hauptseminar); eine andere Lehreinheit sieht einzelne Veranstaltungen vor, an denen Studierende mit unterschiedlichen Sprachen als Studienschwerpunkt teilnehmen können. Als weitere Maßnahme bieten die Lehreinheiten manche Veranstaltungen nicht jedes Semester an. Die Lehreinheiten decken darüber hinaus Sprachunterricht in den weniger nachgefragten Sprachen mit Lehraufträgen ab, weil es nicht möglich ist, dafür dauerbeschäftigtes Personal einzustellen. Da die Vergütung für Lehraufträge nicht ausreicht, um eine dauerhafte Erwerbsgrundlage darzustellen, ist hier mit häufigerem Personalwechsel zu rechnen. Die Studierenden können sich nicht darauf verlassen, dass die Kurse auch wie geplant fortgesetzt werden. Alle Lehreinheiten führen Veranstaltungen mit Studierenden mit weit auseinanderliegender Fachsemesterzahl und daraus resultierendem unterschiedlichen Ausbildungsstand durch. Außerdem nehmen Studierende an den Veranstaltungen lediglich als „Zuhörer“ teil, ohne die zur Veranstaltung gehörende Prüfungsleistung zu erbringen.

Solche Maßnahmen sind jedoch auch aus der Sicht der Lehreinheiten nicht befriedigend, weil sie für den Lehrinhalt, den Lehrablauf, die Organisation des Studiums durch die Studierenden und damit die Studiendauer und die Attraktivität des Studienstandorts Nachteile haben. Es stellt sich auch die Frage, ob unter diesen Umständen eine im Hinblick auf die Qualität optimale Lehre angeboten werden kann.

7 Leistungen für andere Bereiche

7.1 Verflechtungen mit anderen Lehreinheiten und Studiengängen

Eine Lehreinheit führt einen Diplom-Studiengang durch, bei dem Slavische Philologie mit Betriebswirtschaftslehre oder Volkswirtschaftslehre und einzelnen Veranstaltungen aus weiteren Fächern kombiniert werden. Von den sechs Lehreinheiten bieten zwei Lehreinheiten Veranstaltungen an, die für andere Studiengänge studienplanrelevant sind. Es handelt sich um drei Studiengänge, bei denen Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft bzw. Pädagogik mit Russisch-Sprachkenntnissen sowie Kenntnissen über Kultur und Region kombiniert werden. Magisterstudiengänge werden bei allen Lehreinheiten mit Ausnahme HD-Dolmetschen angeboten. Bei ihnen sind durch die vom Studierenden zu belegenden weiteren Haupt- oder Nebenfächer Kombinationen mit fast allen übrigen Magisterfächern der jeweiligen Universität möglich. Die Auswertung einer Lehreinheit für 110 Studierende ergab insgesamt 46 verschiedene Kombinationen mit nichtslavistischen Magisterfächern.

7.2 Angebote für Hörer aller Fakultäten

Alle Slavistik Lehreinheiten ermöglichen Studierenden anderer Fächer die Teilnahme an ihren Veranstaltungen, insbesondere den Sprachkursen. Dies gilt auch für Slavistik-Lehreinheiten der Universitäten, die in einer gesonderten Sprachlehreinrichtung sprachpraktische Veranstaltungen für Nichtslavisten anbieten.

8 Berufsziele und -aussichten der Studierenden

Die Slavisten bilden keine eigene Berufsgruppe: Absolventen der Slavistik besetzen zum einen Stellen in den „klassischen“ Bereichen Lehramt, an der Universität selbst sowie als Dolmetscher bzw. Übersetzer, als Verlagsmitarbeiter und in der Erwachsenenbildung; zum anderen sind sie auf Arbeitsplätzen beschäftigt, bei denen Osteuropakompetenz als Zusatzqualifikation gefragt ist. Dabei handelt es sich um Arbeitplätze im Tourismus, bei international tätigen Firmen, im Journalismus, bei Computerfirmen und als freie Berater u.a.

Der Bedarf an Lehrern für Russisch ist sehr gering, weil Russisch nur an ganz wenigen Schulen als Unterrichtsfach angeboten wird. An den Universitäten ist der Bedarf ebenfalls gering, weil die Slavistik zu den kleinen Fächern gehört. Bei den Arbeitsplätzen, bei denen die Zusatzqualifikation Osteuropa gebraucht wird, handelt es sich jeweils nur um Einzelne. Insgesamt ist daher die Summe der möglichen Arbeitsplätze derzeit nicht so groß, dass mehr Absolventen benötigt würden. Der Bedarf an Mitarbeitern mit Osteuropa-Kompetenz wird z.T. auch durch zugewanderte slavische Muttersprachler aus den jeweiligen Berufen gedeckt.

Die Lehreinheiten halten in gewissem Umfang einen Anstieg des Bedarfs für möglich, wenn die Bedeutung des osteuropäischen Marktes zunimmt. Lediglich zwei Universitäten haben darauf bisher reagiert; die Universität Mannheim hat einen Studiengang eingeführt, bei dem Sprachkompetenz und regionale Kenntnisse für Russland als Zusatzqualifikation des Betriebswirtschaftsstudiums vermittelt werden. Die Universität Tübingen bietet diese in Kombination mit Volkswirtschaft an. Dies betrifft jedoch nur einen kleinen Teil der vorgehaltenen Studienplätze. Bei den Magisterstudiengängen und dem Studiengang Diplom-Philologie ist die Ausbildung in der Slavistik dagegen auf die Literatur- und Sprachwissenschaft ausgerichtet, auch wenn der Studierende sie mit einem z.B. betriebswirtschaftlichen Studiengang kombiniert.

9 Bewertung und Empfehlungen

9.1 Bewertung

Der RH hält die dargestellten Strukturen der Slavistik für problematisch. Die bestehenden Lehreinheiten an den fünf Universitäten befinden sich nach Auffassung des RH unter Aspekten der Lehre in einer Situation, die sowohl von den Wissenschaftlern als auch von den Studierenden als nicht befriedigend angesehen werden kann. Sämtliche Slavistik-Lehreinheiten sind von ungünstigen Rahmenbedingungen für eine effiziente Organisation der Lehre geprägt. Daraus ergeben sich mehr oder weniger große Nachteile für die Attraktivität der Lehrangebote und die Wettbewerbsfähigkeit der einzelnen Standorte. Die hohe Schwundquote bei den Studierenden, der äußerst geringe Anteil der Studierenden in den höheren Semestern, die an den Veranstaltungen teilnehmen, und die niedrige Zahl der Absolventen können als Indiz hierfür gewertet werden.

Nach Auffassung des RH ist es jedenfalls unter Effizienzaspekten nicht zu rechtfertigen, auf Dauer Lehreinheiten mit stark unterausgelasteten Studienplätzen zu betreiben. Die Ergebnisse der Kostenermittlung sowohl für die durchschnittlichen Kosten je Studierenden als auch je Absolventen, vor allem aber die Unterschiede in den Kosten an den einzelnen Standorten zeigen deutlich, dass hier erhebliche Effizienzdefizite bestehen.

9.2 Empfehlungen

Der RH empfiehlt, die Zahl der vorgehaltenen Studienplätze an den Bedarf anzupassen.

Nach dem Ergebnis der Kapazitätsberechnungen für die Lehreinheiten stehen insgesamt 1.070 Studienplätze für rd. 260 Studienanfänger je Jahr zur Verfügung. Für die Berechnung des künftigen Bedarfs an Studienplätzen hat der RH einen Stand von 1.000 Studienplätzen und 300 Studienanfängern zu Grunde gelegt. Zur Berücksichtigung der Entwicklung der Zahl der Studienanfänger an Hand der Prognose bis 2015 wird eine zusätzliche Steigerung der Studienanfänger von 10 % angenommen. Die Steigerung liegt höher als die Prognose der allgemeinen Steigerung für die Studienanfängerzahlen bei den Universitäten. Die Zahl der zu berücksichtigenden Studienanfänger erhöht sich damit auf 330.

Um weitere mögliche Schwankungen des Bedarfs hinreichend berücksichtigen zu können, empfiehlt der RH, die Zahl der vorgehaltenen Studienplätze so zu bemessen, dass bei 330 Studienanfängern eine Auslastung der Studienplätze von etwa mindestens 75 % erreicht wird. Somit ist eine Kapazität für 440 Studienanfänger vorzuhalten.

Dies bedeutet, dass die Zahl der Studienplätze von derzeit 1.000 auf 440 zu reduzieren ist. Zum Abbau der vorhandenen Zahl von Studienplätzen ist die Reduzierung des Personals im wissenschaftlichen Dienst unter Beibehaltung der derzeitigen Personalstruktur um 23,5 Stellen erforderlich; dies ist in Übersicht 9 dargestellt. Die Personalkosten würden dadurch um 2,1 Mio. € jährlich verringert.

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Die Umsetzung der Stellenreduzierung durch Stellenstreichungen bei den vorhandenen Lehreinheiten würde dazu führen, dass die einzelnen Lehreinheiten unter das Minimum der in der Slavistik notwendigen Stellenausstattung fielen. Die Zahl der Stellen für Professoren würde nicht ausreichen, um jede Slavistik-Lehreinheit mit jeweils einer Professorenstelle für Sprachwissenschaft und für Literaturwissenschaft und die Lehreinheit HD-Dolmetschen mit einer Professorenstelle auszustatten. Darüber hinaus blieben für den Mittelbau nicht genügend Stellen, um in allen Lehreinheiten sowohl die Hauptsprachen durch Mitarbeiter auf Stellen abdecken und eine ausreichende Zahl von Stellen für die Qualifikation des wissenschaftlichen Nachwuchses bereithalten zu können.

Der RH empfiehlt deshalb, die Zahl der Lehreinheiten zu reduzieren. Dabei ist von Folgendem auszugehen: Die Lehreinheit HD-Dolmetschen muss als eigene Lehreinheit erhalten bleiben, weil auf Grund der Anforderungen des Studiengangs eine durchgängig gemeinsame Ausbildung mit den Studierenden der Slavistik unmöglich ist und die Verbindung mit den anderen Dolmetsch-Lehreinheiten stärker ist als mit der Lehreinheit HD-Slavistik. In dieser Lehreinheit ist trotz der nicht zureichenden Auslastung eine weitere Reduzierung des Personals nur geringfügig möglich, da sonst die Mindestausstattung in Frage steht. Der RH empfiehlt die Reduzierung um eine halbe Stelle. Die Lehreinheit als solche wird also nicht in Frage gestellt, zumal da sie die einzige in Baden-Württemberg ist. Der daraus folgende Mehrbedarf an Stellen ist bei der Empfehlung zur Stellenausstattung bereits berücksichtigt. Für die Ausbildung in der Slavistik stehen damit noch 18,0 Stellen zur Verfügung.

Der RH ist der Auffassung, dass es konsequenter wäre, diese Stellen auf ein Zentrum der Slavistik (Modell 1) in Baden-Württemberg zu konzentrieren, als mehrere Lehreinheiten beizubehalten. Diesem Zentrum stünden damit mehr Stellen für Professoren und für den Mittelbau zur Verfügung als bisher in der am besten ausgestatteten Lehreinheit. Dadurch würde es ermöglicht, nicht nur Professuren für Sprach- und Literaturwissenschaft vorzusehen, sondern auch andere Differenzierungen vorzunehmen und ein breiter gefächertes Studienangebot an der selben Lehreinheit anzubieten. Die Größe der Lehreinheit böte für die Bewältigung der organisatorischen Probleme, wie die Aufteilung der Studierenden in die verschiedenen Sprachen, den großen Unterschied der Anzahl von Studierenden im Anfangssemester und in höheren Semestern, die Regelmäßigkeit und die Vielfalt des Lehrangebots usw., günstigere Rahmenbedingungen. Nach Auffassung des RH erhöhte eine große Lehreinheit vor allem die Attraktivität der Studiengänge, da am Studienort eine größere Vielfalt und gleichzeitig eine verlässliche Ausbildung auch in den kleineren Sprachen angeboten werden könnte. Die Zusammenfassung der Forschungskapazität hätte ebenfalls einige Vorteile.

Wird das Konzept eines Zentrums der Slavistik nicht verfolgt, können neben der Lehreinheit HD-Dolmetschen maximal zwei Lehreinheiten (Modell 2) beibehalten werden, weil die verbleibende Stellenausstattung mehr Lehreinheiten in angemessener Größe nicht gestattet. Die Bildung von Lehreinheiten, die eine angemessene Vertretung des Fachs Slavistik ermöglichen, setzt aus Sicht des RH voraus, dass in der Lehreinheit sowohl die Sprach- als auch die Literaturwissenschaft mit je einer C 4-Professur vertreten sind. In jeder Lehreinheit sollte eine Stelle für Habilitanden und eine Stelle für Doktoranden zur Verfügung stehen. Außerdem sollten in den Lehreinheiten eine Stelle für einen dauerbeschäftigten wissenschaftlichen Mitarbeiter und Stellen für vier Lektoren oder Sprachlehrkräfte zur Verfügung stehen. Das bedeutete, dass im Modell 2 die beiden Lehreinheiten für Slavistik über je 9 Stellen verfügten. Allerdings müsste hier im Vergleich zu der Einrichtung eines Zentrums der Slavistik die Stellenstruktur verändert werden. Um die notwendige Personalausstattung mit C 4 - und Mittelbaustellen zu erreichen und die Sprachausbildung abzudecken, wäre hier der Verzicht auf zwei C 3-Stellen zugunsten von mehr C 4- Stellen und Stellen für Lehrkräfte im Sprachbereich erforderlich. Die Kosten lägen dann für beide Modelle etwa gleich hoch.

Der Verlust für die jeweils von einer Aufhebung des Angebots betroffenen Universitäten kann im Rahmen einer landesweiten Schwerpunkt- und Profilbildung in der anstehenden Strukturplanung ausgeglichen werden. Im Bereich der Slavistik eingesparte Stellen gehen den Universitäten insgesamt nicht verloren, da sie unter der Geltung des Solidarpakts z.B. für die Stärkung der von den Universitäten zu bildenden Schwerpunktbereiche verwendet werden können.

9.3 Maßnahmen der Universitäten

Die von den Universitäten beabsichtigten weiteren Stellenstreichungen (s. Pkt. 2.2) in den Lehreinheiten für Slavistik würden die Auslastung der Kapazitäten nur unwesentlich verbessern. Auch die geplanten Kooperationen, wie sie bereits von den Universitäten Heidelberg und Mannheim verhandelt und von den Universitäten Tübingen und Konstanz in Aussicht genommen werden, führen im Ergebnis nicht dazu, die Auslastung der Lehreinheiten wesentlich zu verbessern und die Kosten je Studierenden oder Absolventen ausreichend zu senken. Das zeigt sich z.B. am Kooperationsmodell der Universitäten Mannheim und Heidelberg. An beiden Universitäten soll ein gemeinsames Institut für Slavistik gegründet werden, das die Studiengänge an beiden Universitäten anbietet. Das bedeutet, dass nicht Studienplätze an einem Standort konzentriert werden, sondern dass die Lehrveranstaltungen gleicher Art wie bisher an mehreren Standorten durchzuführen sind. Soweit das Lehrangebot an einer Universität nicht abgedeckt ist, sollen im Rahmen der Kooperation die Lehrenden jeweils Veranstaltungen auch an der jeweils anderen Universität abhalten. Auf Grund der Aufrechterhaltung des Studienangebots an zwei Standorten kann die Lehrkapazität somit nicht wesentlich vermindert werden; geplant ist deshalb auch nur eine Reduzierung um je eine Professorenstelle an den beiden Universitäten. Somit wird im Ergebnis die Auslastung der Studienplätze beider Universitäten nur wenig verbessert und eine angemessene Reduzierung nicht erreicht. Der RH empfiehlt für eine Kooperation zwischen den Universitäten Heidelberg und Mannheim, dass die Universität Mannheim die Slavistik aufgibt und die Universität Heidelberg künftig nur die für die Ausbildung der Mannheimer Studierenden des Studiengangs „Betriebswirtschaftslehre Kulturwissenschaft Russisch“ notwendigen Veranstaltungen mit ihren Lehrkräften dort anbietet. Da in beiden Universitäten Lehrstühle der Sprach- bzw. Literaturwissenschaft in der Slavistik zur Besetzung frei sind, die von der jeweils anderen personell abgedeckt werden können, wäre die Personalfrage in diesem Bereich derzeit leicht lösbar.

9.4 Nachteile der Reduzierung von Lehreinheiten bzw. Personal

Mit einer Reduzierung der Zahl der Standorte ergeben sich naturgemäß auch gewisse Nachteile. Diese liegen im Bereich der Lehre im Wesentlichen darin, dass die Studierenden an den Standorten, die keine Slavistik mehr haben, ihre Studienfächer nicht mehr mit Slavistik kombinieren können. Für solche Kombinationen müsste künftig ein anderer Standort gewählt werden. Die wesentlichen bisherigen Kombinationen sind jedenfalls an den Universitäten Freiburg, Heidelberg und Tübingen möglich. Außerdem entfällt an diesen Standorten die Möglichkeit der Studierenden aus Staaten Osteuropas, ein Fach des Magisterstudiengangs durch die Muttersprache abzudecken.

Bei Wegfall der Slavistik entfällt die Möglichkeit zur Teilnahme an den Veranstaltungen für Studierende anderer Studiengänge. Dies betrifft fast ausschließlich die Sprachkurse. Diese sollten, soweit es genügend Interessenten gibt, durch ein Angebot der zentralen Universitätseinrichtung „Sprachlehrzentrum“ angeboten werden. Allerdings ist zu beachten, dass ein solches Angebot nur gemacht werden sollte, wenn festgestellt würde, dass bei den Universitäten, die bereits jetzt keine Slavistik haben, solche Sprachkurse in den Sprachlehrzentren hinreichend besucht werden.

Im Bereich der Forschung entfiele für die jeweiligen Universitäten ebenfalls der gesamte Bereich der Slavistik und damit auch der von der Slavistik gehaltene Kontakt mit osteuropäischen Staaten. Die Forschung ist außerdem mit anderen Fachgebieten u.a. durch die Arbeit in Sonderforschungsbereichen oder Graduiertenkollegs verflochten. Dies sind z.Z. an den Universitäten Freiburg und Tübingen die Sonderforschungsbereiche „Identitäten und Alteritäten“ bzw. „Linguistische Datenstrukturen“ und an den Universitäten Heidelberg und Tübingen z.B. die Graduiertenkollegs „Dynamik von Substandardvarietäten“ bzw. „Pragmatisierung/Entpragmatisierung von Literatur“, an der Universität Konstanz z.B. die Sonderforschungsbereiche „Norm und Symbole“ und „Entwicklung und Variation im Lexikon“.

Die einer Lehreinheit zugewiesene Kapazität für wissenschaftliches Personal steht stets in gleichem Umfang für Lehre und Forschung zur Verfügung, weil diese eine Einheit bilden. Eine Reduzierung von Personal bei in der Lehre nicht ausgelasteten Einheiten führt somit notwendigerweise auch zu einer Verminderung von Forschungskapazität. Umgekehrt wird aber auch dann gleichermaßen Forschungskapazität aufgebaut, wenn, um das Lehrangebot für neue Studienplätze zu erhöhen, vom Haushaltsgesetzgeber neue Personalstellen bewilligt werden. Der Bedarf an Lehrkapazität ist und war wesentlicher Maßstab für den personellen Ausbau der Hochschulen; für die Forschung gibt es keinen Bedarfsmaßstab. Den Personalbedarf nicht vorrangig am Lehrbedarf zu orientieren, würde auch dazu führen, dass den in der Lehre ausgelasteten Einheiten anteilig von vornherein weniger Kapazität für Forschung zur Verfügung stünde als den in der Lehre erheblich unterausgelasteten Einheiten.

Darüber hinaus entfalten die Universitäten und ihre Mitglieder Aktivitäten mit Wirkung in die Region. Viele Mitarbeiter sind Teil oder Initiator von - ganz allgemein gesprochen - slavischen Kreisen, die in der räumlichen Umgebung der Universität die Interessierten zusammen bringen; sie haben vielfältige Kontakte in die verschiedenen Organisationen und politischen Institutionen, die sich mit Integrationsfragen befassen. Dies ist allerdings nicht als originäre Aufgabe der Universitäten anzusehen.

Der RH ist im Ergebnis der Auffassung, dass nach Abwägung der Vor- und Nachteile es nicht gerechtfertigt erscheint, die bisherigen Strukturen mit Lehreinheiten an fünf Standorten aufrecht zu erhalten. Mit dem empfohlenen Modell 1 gelänge es, für die Slavistik im Lande eine attraktive und leistungsfähige Einheit zu schaffen, die nicht nur eine hohe Qualität und einen effizienten Ressourceneinsatz gewährleistet, sondern auch gegenüber anderen ähnlich großen Standorten in Deutschland wettbewerbsfähig wäre.

10 Stellungnahme des Ministeriums und der Universitäten

Das Ministerium betont den Aspekt der Einheit von Forschung und Lehre, die als Aufgabenfelder gleichberechtigt nebeneinander stünden. Eine einseitige Gewichtung des einen oder anderen Tätigkeitsbereiches widerspreche dem universitären Auftrag; der RH konzentriere demgegenüber seine Betrachtung auf die Lehre. Welche Fächer für das wissenschaftliche Netzwerk innerhalb einer Universität und für seine Bedeutung als zentraler Ort kultureller Begegnung erforderlich seien, könne nicht einseitig an der Auslastung von Studienplätzen festgemacht werden.

Der RH bemängele zu Recht die extrem hohen Schwundquoten in der Slavistik. In dem hohen, kapazitätsrechtlich zu berücksichtigenden Schwund zeigten sich die Strukturprobleme kleiner Lehreinheiten und die Auswirkungen schmaler fachlicher Basis auf die Attraktivität eines Studiengangs. Das Ministerium betont, dass diese Probleme nicht dadurch gelöst werden könnten, dass man fünf kleine Einheiten durch zwei ebenfalls kleine Einheiten ersetze; vielmehr müsse eine Verminderung der Zahl der Lehreinheiten einhergehen mit dem Ausbau der verbleibenden Einheiten. Das Ministerium lehnt allerdings die vom RH vorgeschlagene Zentralisierung aller Ausbildungseinheiten ab; es sei zu bedenken, dass die Slavistik sinnvoller Bestandteil zahlreicher Fächerkombinationen sei und es auch gälte, bestehende Vielfalt zu erhalten. Zudem solle es in Zukunft durch eine stärkere Ausrichtung der Slavistik auf cultural bzw. area studies ermöglicht werden, die Länder Ost- und Südosteuropas in größeren Fächerverbünden umfassend studieren und erforschen zu können.

Nach Auffassung des Ministeriums müsse Schwerpunkt künftiger Bemühungen vielmehr die Verringerung der Schwundquote sein, wozu eine ausreichende fachliche Breite wie auch die attraktive Gestaltung der Studienangebote (z.B. in Form von Bachelor-/Masterstudiengängen) beitragen könne; Möglichkeiten der Intensivierung der Kooperationen müssten ausgelotet werden. Das Ministerium werde sich im Rahmen der Prüfung und Umsetzung der von den Universitäten vorgelegten Struktur- und Entwicklungspläne an diesen Grundsätzen orientieren und im Dialogverfahren mit den Universitäten dem Aspekt der standortübergreifenden landesweiten Gesamtbetrachtung maßgebliche Bedeutung zumessen. Es sieht diese auch langfristige Landesinteressen bedenkenden Strukturüberlegungen als seinen ureigensten Aufgabenbereich an.

Die Universitäten sind der Auffassung, dass es zur verfassungsrechtlich garantierten Freiheit der Universität als Institution gehöre, ihr individuelles Fächerprofil festzulegen. Sie weisen darauf hin, dass in der Forschung der klassischen und geisteswissenschaftlich orientierten Universitäten die Slavistik ein unverzichtbarer Bestandteil im Zusammenspiel der Kultur- und Sozialwissenschaften sei. Die Vernetzung der Slavistik in zahlreichen Graduiertenkollegs und Sonderforschungsbereichen sei ein eindrucksvoller Beleg hierfür. Dies werde vom RH durch den einseitigen Bezug auf die Lehre und die verengende Ausrichtung an der Auslastung von Studienplätzen nicht berücksichtigt. Die Reduzierung von Professuren in der Slavistik habe eine drastische Verarmung der Forschungslandschaft zur Folge. Die Universitäten lehnten indes die Darlegungen des RH nicht insgesamt ab, sondern entnähmen ihnen eine Reihe von nützlichen Hinweisen. Sie betonen, dass hohe Studienabbrecherquoten, lange Studienzeiten und eine geringe Zahl von Absolventen deutliche Indizien dafür seien, dass die Studienorganisation in der Slavistik verbesserungsbedürftig sei. Effizienz- und Kostengesichtspunkte seien auch für die Selbstorganisation der Wissenschaft notwendig. Dennoch könne der Argumentation nicht gefolgt werden, dass nicht ausgelastete Studienplätze ein hinreichender Grund seien, auf die Realisierung langfristiger wissenschaftspolitischer Ziele zu verzichten, wie sie jetzt geplant würden.

11 Schlussbemerkung

Der RH ist trotz der Tatsache, dass Forschung und Lehre eine Einheit bilden und gleichrangig sind, der Auffassung, dass die Lehre einen so bedeutenden Umfang innerhalb der Aufgaben der Lehreinheit hat, dass eine erhebliche Unterauslastung in diesem Bereich Anlass zu Maßnahmen sein muss. Die in der Slavistik bestehenden Strukturprobleme, insbesondere die erhebliche Unterauslastung in der Lehre und zudem die festgestellte Nichtteilnahme der Studierenden an den Veranstaltungen, lassen sich nach Auffassung des RH nicht allein durch allgemeine Bemühungen zur Verringerung der hohen Schwundquote, durch Kooperationen zwischen den Universitäten oder die Einrichtung von Bachelor-/Masterstudiengängen beheben. Die gebotene wirtschaftliche Organisation der Lehrkapazität die auch zu einer Reduzierung der Ausbildungskosten je Studierenden und Absolventen auf ein vertretbares Maß führt, lässt sich im Ergebnis nur durch eine Verringerung des Personals und der Standorte erreichen. Dabei stimmt der RH mit dem Ministerium überein, dass die Schaffung zweier kleiner Lehreinheiten an Stelle der bestehenden fünf Lehreinheiten keine fachliche Stärkung der Slavistik bedeuten würde. Die Beibehaltung von nur zwei Lehreinheiten bedeutete aber auch keine Schwächung der Slavistik und ermöglichte trotzdem eine Realisierung der Effizienzreserven. Der RH hat dies deshalb als - wenn auch nachrangige - Alternative gesehen. Eine Konzentration auf ein Slavistikzentrum wäre aus Sicht des RH indes fachlich die bessere Lösung.

Der RH stimmt mit dem Ministerium uneingeschränkt darin überein, dass für die anstehenden Strukturüberlegungen einer landesweiten Gesamtbetrachtung maßgebliche Bedeutung zukommt. Derartige hochschulübergreifende strategische Strukturentscheidungen gehören weder zur Autonomie noch zur Wissenschaftsfreiheit der Universitäten, sondern müssen wichtiger Bestandteil der Wissenschaftspolitik des Landes auch in der Zukunft bleiben. Der RH sähe in einer auf Konzentration an einem Standort ausgerichteten Strukturentscheidung - insbesondere auch unter dem Aspekt der Bildung von Schwerpunkten, die eine fachliche Stärke entwickeln können - eine große Chance für die Slavistik in Baden-Württemberg.